«Die Menschheit hat noch nie etwas so Grosses unternommen», schreibt Bill Gates in seinem kürzlich erschienenen Buch «Wie wir die Klimakatastrophe verhindern». Und schenkt man dem STEM-Modell des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) Glauben, dürfte «gross» auch «teuer» heissen. Um das Netto-null-Ziel bis im Jahr 2050 zu erreichen, rechnet das PSI mit kumulierten Mehrkosten der Energiestrategie von 97 Milliarden Franken. Der Bau erneuerbarer Anlagen wirkt sich zudem auf Flora und Fauna aus – weswegen der Umweltschutz regelmässig Projekte wie etwa Windparks bekämpft. Kann ein Ökonom Klarheit schaffen, wie sich die Energiewende kostenmässig schlägt, wenn man sie mit Nichtstun vergleicht? Wir haben mit Prof. Dr. Frank Krysiak von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel gesprochen.

Herr Krysiak, die Komplexität der weltweiten Bemühungen zum Klimaschutz scheint riesig. Um unsere Umwelt zu schützen, greifen wir in sie ein, wogegen der Naturschutz wiederum vehement opponiert. Wie stehen Sie zu diesem Dilemma?

Als Ökonom ist für mich klar: Entscheiden wir uns für die günstigere Alternative. Sie heisst «Umbau des Energiesystems», umfasst recht hohe Einmalkosten aber geringe laufende Kosten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie viel günstiger als gar nichts zu unternehmen, um die Energiewirtschaft zu dekarbonisieren.

Das klingt dramatisch. Wieviel würde uns denn dieses Nichtstun kosten?

Mehr als 90% der Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigen, sind sich einig, dass es uns sehr, sehr viel kosten würde. Wir Menschen haben uns an unsere Umwelt und unser Klima gewöhnt; unsere Art zu leben und die Wirtschaft sind von diesen Rahmenbedingungen stark abhängig. Wenn der menschgemachte Klimawandel ungebremst fortschreitet, werden sich diese Rahmenbedingungen in kaum vorhersagbarer Weise verändern. Wir sprechen etwa von Hitzewellen und Dürren, ebenso wie von Überschwemmungen, extremen Wetterphänomenen und daraus folgenden Migrationsströmen und Konflikten.

Die Schweiz hat aber ja ein gemässigtes Klima – und eine gefestigte, international kompetitive Wirtschaft...

Genau, eine Wirtschaft, die auf die umliegenden Volkswirtschaften und den Aussenhandel angewiesen ist – nicht nur im europäischen Massstab, sondern weltweit. Was Energie angeht, waren wir in den letzten Jahrzehnten zu ca. 70% von ausländischen Importen abhängig. Wir importieren fossile Energieträger im grossen Stil, wir exportieren Güter und Dienstleitungen, wir investieren im Ausland – und hoffen auf eine Rendite. Wir nähren unser Wachstum und unsere Wohlfahrt aus einem internationalen Marktsystem.

«Der Klimawandel wirkt sich auf allen möglichen Ebenen aus, wozu auch die Preise von Importen, der Erlös aus Exporten und die globalen Migrationsströme zählen.»

Und der Klimawandel kann das aus den Fugen geraten lassen?

Ja. Er wirkt sich auf allen möglichen Ebenen aus, wozu auch die Preise von Importen, der Erlös aus Exporten und die globalen Migrationsströme zählen. Sollten wir einen ungebremsten Klimawandel zulassen, werden wir zumindest die nächsten 500 Jahre mit den negativen Folgen leben müssen. Mit Wirtschaftskrisen und humanitären Krisen, die uns ein Vielfaches davon kosten dürften, was uns die Dekarbonisierung kostet. Als Ökonom würde ich sagen: Mit Nichtstun gehen wir ein Risiko ein, welches aus der Risk-Return-Perspektive geradezu absurd hoch ist.

Die Kosten für den Umbau der Energiewirtschaft scheinen also gerechtfertigt. Was ist mit den Eingriffen in Umwelt und Natur?

Die Forschung dazu ist umfangreich – Forschungsgruppen untersuchen etwa die Auswirkungen von Windkraft auf das Mikroklima der näheren Umgebung, die Auswirkungen der Speichersee-Wasserstände auf die Biomasse in alpinen Seen, die Bodenverdichtung und andere Folgen neuer Zufahrtsstrassen... Das Fazit ist: Man kann nicht alles haben. Erneuerbar sein, unabhängig und versorgungssicher sein, unberührte Natur, tiefe Kosten – das ist die eierlegende Wollmilchsau, das gelöste Energie-Trilemma. Willkommen im Wunderland. So funktioniert die Wirtschaft nicht.

Aber wir können die negativen Auswirkungen minimieren, die der Zubau erneuerbarer Energien mit sich bringt.

Ja. Zum Beispiel keine Anlagen in hochsensiblen Ökosystemen bauen, keine zusätzliche Wasserkraft in den letzten verbleibenden Hochtälern usw. Wir können aber ausbauen, wo Ausbau und Erhöhungen von Staumauern Sinn machen, wir können jede Menge bereits menschgenutzter Flächen – wie Dächer, Fassaden, Lärmschutzwände – für Photovoltaik nutzen. Wir können geschickt abwägen, wo eine Windkraftanlage im Inland Sinn macht – und wo ein Investment im Ausland zielführender wäre. Wir können Energieproduktion und Energiekonsum in ein Richtung lenken, deren Folgen für uns vertretbar sind. Wichtig ist es, keine Scheuklappen zu haben, weder in Bezug auf Technologien noch auf den geeigneten Ort unserer Investitionen. Oder auf deren Aussehen. Ästhetik ist ja auch immer ein Argument, was erneuerbare Anlagen angeht. Und da scheint unsere Wahrnehmung doch sehr wandelbar. Kaum jemand hätte Wasserkraftwerke für wirklich schön gehalten als sie gebaut wurden. Heute stehen einige bereits unter Denkmalschutz.

Hat die Schweiz als winziges Land denn eine Vorbildfunktion für die Welt?

Ich würde sagen, sie hat als international erfolgreiches, technisch mancherorts führendes und demokratisches Land eine Signalwirkung. Wenn es so ein Player nicht schafft, klimaneutral zu werden, wer sollte es denn sonst schaffen? Eine gelingende Energiewende in der Schweiz wird beobachtet, sie generiert Nachahmereffekte. Für einmal ist das durchaus wünschenswert. Was den Klimawandel und die damit verzahnte Wirtschaft angeht, sitzen wir nämlich alle im selben Boot. Um nochmals auf Ihre Eingangsfrage mit dem Preis für den Umbau des Energiesystems zurückzukommen: Zeigen Sie mir eine Studie, die auf 30 Jahre hinaus richtig geschätzt hat. Wenn viele an einem Strick ziehen, geschieht etwas, das wir Ökonomen sehr gerne sehen: Die Grenzkosten für die nächsten Schritte und Einheiten sinken. Das ganze Projekt wird immer preiswerter.

Quelle: VSE vom 03.05.2021

Bildquelle: VSE

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