Die europäische Energieversorgung wird in den nächsten Jahrzehnten umgebaut. Der Strombedarf wird durch den Zubau von Wind- und Sonnenenergie erheblich steigen. Gleichzeitig steigt die Schweiz schrittweise aus der Kernenergie aus und will bis 2050 klimaneutral sein. Die politischen Entscheide in den Nachbarländern prägen den künftigen Umbau in der Schweiz – unabhängig davon, ob die Schweiz doch noch ein Stromabkommen mit der EU schliesst. «Was die kosteneffizienteste Lösung für den Umbau unseres Energiesystems ist, hängt auch von der Entwicklung in unseren Nachbarstaaten ab», sagt Gabriela Hug, ETH-Professorin am Institut für elektrische Stromübertragung.

Was lässt den künftigen Strombedarf am stärksten ansteigen?

Die Elektromobilität, aber auch Wärmepumpen. Um 2040 kann deshalb der Nettoimport auf über 20 Prozent des inländischen Strombedarfs steigen, weil vermutlich der Zubau an Solarstrom den fehlenden Atomstrom noch nicht abdecken kann, insbesondere wenn die Elektromobilität rasch zunimmt.

Sie sagen, wir seien von der Entwicklung unserer Nachbarländer abhängig. Hat das Konsequenzen für die Investitionen beim Umbau unserer Energieversorgung?

Wir sind sehr stark davon abhängig, wie sich die Stromproduktion und der Strombedarf in unseren Nachbarstaaten entwickeln – egal, ob es in Zukunft einen Rahmenvertrag mit der EU oder bilaterale Stromabkommen gibt. Schliesslich gibt es 41 Verbindungen von unserem mit dem europäischen Stromnetz. Wir sind also technisch eng mit Europa vernetzt. Wir haben zum Beispiel berechnet, was es ökonomisch für die Schweiz bedeutet, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien in den Nachbarländern massiv beschleunigt wird. Dann wäre mit Überkapazitäten zu rechnen. In diesem Fall ist davon auszugehen, dass der Strompreis deutlich sinkt und es billiger ist, Strom zu importieren.

Das würde heissen, dass der Ausbau der Erneuerbaren gebremst würde?

Wenn wir uns den Ausbau bis 2035 anschauen, wäre es kosteneffizient, die Fotovoltaik auszubauen. Gleichzeitig würde es ökonomisch Sinn machen, mehr in flexible Stromquellen wie etwa Gaskraft zu investieren, um die Schwankungen der erneuerbaren Stromproduktion auszugleichen. Wenn jedoch im Ausland noch mehr auf Gas gesetzt würde, müsste aus ökonomischer Sicht die Fotovoltaik ausgebaut werden.

Die Importstrategie vor allem im Winter ist sehr umstritten.

Es gibt zwei mögliche Ansätze, die Importe zu reduzieren: Man baut so viele Solaranlagen, dass diese den nötigen Energiebedarf im Winter und bei allfälligen Schlechtwetterperioden trotzdem decken. Das würde bedeuten, dass man in der Schweiz eine grosse Überkapazität bauen und im Sommer sehr viel abregeln oder allenfalls eine andere Verwendung finden müsste. Die zweite Option ist, eine flexible Ressource wie zum Beispiel Gaskraft zu bauen.

Da kommen aus Gründen des Klimaschutzes nur CO2-freie Gaskraftwerke infrage. Ergibt es dann ökonomisch Sinn?

Ja, wir haben mit Gaskraftwerken gerechnet, bei denen CO2 abgeschieden und im Untergrund gespeichert wird. Dass die klimaschonende Gaskraft in der Schweiz in vielen Szenarien ökonomisch Sinn ergibt, war eher eine Überraschung in unseren Analysen.

Gaskraftwerke sind also eine realistische Option?

Aus unserer Sicht würde es sich lohnen, zweigleisig zu fahren: Der Solarausbau muss massiv beschleunigt werden, aber wir sollten nun auch den Einsatz von Gaskraftwerken detailliert abklären.

Quelle: Tages-Anzeiger vom 08.12.2021

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