Angesichts des hohen Benzinpreises von über 2 Franken pro Liter erscheint der Kauf eines Elektroautos derzeit attraktiver denn je. Doch um herauszufinden, ob es unter dem Strich tatsächlich billiger ist als ein herkömmliches Fahrzeug mit Verbrennungsmotor, reicht der Blick auf den aktuellen Benzinpreis nicht.

Einen bedeutenden Unterschied gibt es beim Anschaffungspreis. Die Batterie des Elektroautos macht das Fahrzeug nicht nur schwerer, sie fällt auch bei den Kosten ins Gewicht. Bei einem Mittelklassewagen beziffert der Experte Konstantinos Boulouchos die Differenz auf rund 10'000 Franken. Der emeritierte ETH-Professor arbeitete am Institut für Energie- und Verfahrenstechnik und hat sich eingehend mit solchen Fragen beschäftigt. Den erwähnten Preisunterschied leitet er aus einem Vergleich eines Personenwagens in der Grössenklasse eines VW Golf oder eines elektrisch betriebenen VW ID.3 mit ähnlicher Ausstattung ab.

Doch im betrieb ist das Elektroauto deutlich günstiger. Die entscheidende Frage ist, ob dies über die Jahre reicht, um den höheren Kaufpreis auszugleichen. Die Kostenrechnung für den Betrieb kann sich stark unterscheiden. Das folgende Rechenbeispiel geht von gewissen Annahmen und Durchschnittswerten aus, die interessierte Leserinnen und Leser für eine individuelle Berechnung anpassen können.

Moderne Elektroautos verbrauchen auf 100 Kilometer etwa 20 Kilowattstunden. Je nach Region, Ladeart oder Nacht-/ Tagtarif können die Strompreise stark variieren. Bei 20 Rappen je Kilowattstunde fallen demnach für 100 Kilometer Energiekosten von 4 Franken an. Wer mit Benzin fährt, zahlt deutlich mehr. Mit dem aktuellen Benzinpreis gerechnet, würde sich ein Umstieg auf das Elektroauto fast immer lohnen. Doch langfristig betrachtet sind die Preise für Treibstoff erstaunlich stabil. Für eine Kostenrechnung über mehrere Jahre ist es deshalb nicht sinnvoll, vom aktuellen Preis auszugehen, der aufgrund des Ukraine-Kriegs gerade Höchststände erreicht.

Ein weiterer Preisvorteil des Elektroautos sind die finanziellen Anreize auf Motorfahrzeugsteuern, die derzeit viele Kantone bieten. In einer Kostenrechnung kann die Steuermässigung einen substanziellen Betrag ausmachen.

Ein wesentlicher Kostenreiber bei Benzin und Diesel ist die Mineralölsteuer, die gegen 80 Rappen je Liter beträgt und dem Bund jährlich über 4 Milliarden Franken in die Kasse spült. Geld, das unter anderem für Nationalstrassen und Agglomerationsverkehr benötigt wird. Wenn der Anteil der elektrisch betriebenen Fahrzeuge weiterhin stark steigt, kommt es früher oder später zu Ertragsausfällen, die kompensiert werden müssen.

Worauf es beim Kauf wirklich ankommt

Konstantinos Boulouchos rechnet hier zudem mit einer spürbaren Reduktion des Treibstoffverbrauchs, die sich im Co2-Ausstoss niederschlägt: «Ein Personenwagen der unteren Mittelklasse stösst während eines Nutzungsdauer von 15 Jahren durchschnittlich 40 Tonnen Co2 aus, beim Hybridfahrzeug sind es nur 32 Tonnen.» Beim Elektroauto mit ausschliesslichem Batteriebetrieb hängt der CO2-Ausstoss vom bezogenen Strom ab. Über einen Lebenszyklus von 15 Jahren liegt er typischerweise zwischen 15 und 30 Tonnen CO2. Fazit: Wer regelmässig günstigen Strom tankt, kann mit einem Elektroauto einen gewissen finanziellen Vorteil herausfahren. «In aller Regel gibt es über eine durchschnittliche Nutzungsdauer aber keine nennenswerte Einsparung». Somit dürften bei einem Kaufentscheide andere Argumente ausschlaggebend sein. So zum Beispiel die längere Tankzeit beim Elektroauto, die Reichweite, das Fahrgefühl mit dem leisen, aber kräftigen Antrieb oder ökologische Überlegungen, die wiederum differenziert betrachtet werden müssten.

Quelle: Tages-Anzeiger vom 14.03.2022

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