Mit Verzögerung werden die hohen Energiepreise in der Schweiz ankommen. Branchenvertreter rechnen mit einem deutlichen Anstieg – aber nicht überall.

Ende vergangenen Jahres war die Strombörse ausser Rand und Band. Innert Kürze verdreifachten sich die Preise. Unsicherheiten wegen der Situation in der Ukraine, Ausfälle von französischen Atomkraftwerken, gestiegene Erdgas- und Kohlepreise waren damals die Ursachen.
Die Preise sanken danach wieder, doch mit dem Angriff von Russland auf die Ukraine gehen die Zeiten hoher Stromkosten weiter.
Wenn der Strompreis an der Börse rapide steigt, sind private Endkundinnen und Endkunden in der Schweiz erst einmal in einer komfortablen Lage. Denn die Tarife für den Haushaltstrom sind für ein ganzes Jahr festgelegt. Es gibt keinen Mechanismus, der einen vorzeitigen Anstieg ermöglichen würde.
Doch für das kommende Jahr gehen viele Versorger von einer Steigerung aus. Grosse Anbieter rechnen mit höheren Preisen, dasselbe gilt für den Verband Aargauischer Stromversorger. Sie alle wollen sich aber nicht auf die Äste hinauslassen und beziffern, wie viel mehr die Konsumentinnen und Konsumenten bezahlen müssen.
Wie hoch der Betrag für 2023 ausfallen wird, ist stark abhängig von der Einkaufsstrategie der jeweiligen Versorger. Der Verband Kommunaler Elektrizitätsversorger des Kantons Zürich sieht einen Preisanstieg von 20 Prozent bei einzelnen Versorgern als realistisch an.

Versorger verrechnen einen Durchschnittspreis

«Alle Versorgungsunternehmen in unserem Verband haben langfristig eingekauft, meist bei noch günstigen Konditionen für die nächsten zwei bis drei Jahre. Das ist nun aber nicht mehr möglich», sagt Geschäftsführer René Holzer. Der Preis für die Elektrizität, die den Endkunden in Rechnung gestellt werde, sei vorwiegend vom Einkaufszeitpunkt abhängig. Und dieser werde von jedem Energieversorger selbst festgelegt.

Steigt der Preis um 20 Prozent, bedeutet das für einen typischen Haushalt mit einem Verbrauch von 4500 Kilowattstunden im Jahr Mehrausgaben von fast 200 Franken. Bleiben die Marktpreise über längere Zeit so hoch wie jetzt, dann dürften die Aufschläge noch höher ausfallen. Denn viele Versorger kaufen Strom über die Jahre hinweg gestaffelt ein und verrechnen den Endkunden einen geglätteten Preis.

Die derzeitigen Marktpreise bringen auch kleine Versorger dazu, die Stromtarife zu erhöhen – auch solche, die gerade einmal eine Gemeinde beliefern. Dort hat die zuständige Genossenschaft den Strom für 2023 bereits eingekauft.

Wie stark der Preis auf 2023 hin wirklich steigen wird, lässt sich erst im September mit Sicherheit sagen. Mit Stichtag 31. August müssen die einzelnen Versorger ihrer Preise der Eidgenössischen Elektrizitätskommission Elcom melden. Diese veröffentlicht im September die genauen Preise für das darauffolgende Jahr.

Stabile Preise dank Alternativenergien

Es gibt Versorger, die von stabilen Preisen ausgehen. Im Kanton Bern ist die BKW die hauptsächliche Stromlieferantin. Unternehmenschefin Suzanne Thoma sagte in einem Interview mit dieser Zeitung, dass sich die Kundinnen und Kunden keine Sorgen machen müssten. «Sie bleiben von diesen Preisschocks verschont. Denn die gebundenen Kunden müssen nicht den Marktpreis bezahlen, sondern die Kosten für die Stromproduktion in unseren Kraftwerken.» Ein Grund zum Jubeln ist das allerdings noch nicht. Denn die Strompreise der Bernischen Kraftwerke waren in den vergangenen Jahren immer bei den teuersten überhaupt.

Auch beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich geht man von stabilen Strompreisen im kommenden Jahr aus. Der Grund: Das Unternehmen ist dank eigener Wasser-, Solar- und Windkraftwerke unabhängig vom Strommarkt.

Mitentscheidend ist, ob die Versorger auch produzieren

Die Stromrechnung, welche die Haushalte erhalten, ist von drei Faktoren abhängig: dem eigentlichen Energiepreis, den Netzkosten und den übrigen Abgaben. Der Energiepreis belief sich im vergangenen Jahr auf durchschnittlich 7.9 Rappen pro Kilowattstunde, was etwas mehr als ein Drittel des gesamten Strompreises ausmacht.

Derzeit zahlen die Versorger für den von ihnen für das kommende Jahr eingekauften Strom im Schnitt 2.5-mal mehr als im vergangenen August, als sie ihre Tarife für das laufende Jahr berechneten. Das teilt die Aufsichtsbehörde Elcom mit.

Doch damit lässt sich noch kein sicherer Rückschluss auf den Endverbraucherpreis ziehen. Entscheidender ist, wie die Versorger ihren Strom einkaufen und ob sie selber Produktionsanlagen betreiben. Und wenn ein Energieversorger in sein Netz investieren muss, kann das den Endverbrauchspreis zusätzlich anheben.

Quelle: Tages-Anzeiger vom 22.03.2022

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