Es könnte ein Vorbote für den nächsten Winter gewesen sein. Anfang April hatte Frankreich ein grosses Problem. Viele Kernkraftwerke waren nicht verfügbar, doch es wurde nochmals kalt. Millionen Franzosen schalteten ihre Elektroheizungen ein. Die Börsenpreise für Strom explodierten, es drohte eine Mangellage.

Frankreich aktivierte die Phase Orange, die eine angespannte Situation signalisiert: Die Bürgerinnen und Bürger wurden zum Stromsparen angehalten. Man bat sie, das Waschen von Wäsche auf Ende Woche zu verschieben, nur kurz zu duschen und beim Kochen den Deckel auf die Pfanne zu setzen. Der Übertragungsnetzbetreiber behauptet, dass man durch den Aufruf die Leistung eines kleinen Kernkraftwerkes habe einsparen können. Doch ohne massive Importe aus den Nachbarländern – auch der Schweiz – wäre es nicht so glimpflich ausgegangen.

Vergleich mit dem Nachbarn

Nächsten Winter könnte Europa ein ähnliches Schicksal drohen, sollte Russland den Gashahn zudrehen und damit die europäische Stromproduktion in Mitleidenschaft ziehen. Der Bundesrat plant denn auch eine «Sensibilisierungskampagne», die Wirtschaft fordert, dass sofort damit gestartet werde. Unabhängig davon, wann man startet, sollte man sich davon laut Verhaltensökonomen nicht allzu viel erhoffen. Gerhard Fehr von der Zürcher Beratungsfirma Fehradvice & Partners erklärt, dass ohnehin nur gut die Hälfte der Bevölkerung für solche Botschaften empfänglich sei. In Frankreich konnte man rund ein Prozent der Erzeugungskapazitäten durch den Appell einsparen, wie der Übertragungsnetzbetreiber schätzt. Das könne immerhin gerade das Prozent sein, das ein Land vor Schlimmerem bewahre, gibt Lorenz Götte zu bedenken, der an der National University of Singapore forscht. Fehr und Götte empfehlen denn auch, dass der Bund eine Kampagne auf den Weg bringt, damit man nach den Sommerferien parat ist.

Aber wie bekommt man Bürger zum Stromsparen, so dass das auch etwas bringt? Mit Informationen vielleicht, wie das der französische Netzbetreiber macht? Auf dessen Website gibt es über ein Dutzend schön illustrierte Tipps, damit jedem schnell klar wird, worum es geht. Die Zimmertemperatur senken, Geschirrspüler erst laufen lassen, wenn er ganz gefüllt ist, elektrische Geräte ganz ausschalten, statt im Stand-by- Modus zu halten. Doch Götte winkt ab: Dutzende Studien hätten gezeigt, dass Stromspartipps allein wenig brächten. Die meisten Elektrizitätsversorger liefern heute wichtige Anhaltspunkte. So erhält man mit der Rechnung regelmässig eine Zusammenfassung des Stromverbrauchs, der dann noch mit dem Vorjahr verglichen wird. Weniger üblich ist es, dass man zusätzlich sieht, wie man im Vergleich zur Nachbarschaft abschneidet. Solche sozialen Vergleiche, eine Form des Nudging, haben in den USA zwar zu einem Rückgang des Verbrauchs beigetragen. Doch in Europa, wo der Bürger nur etwa ein Drittel so viele Ressourcen verbraucht wie der Amerikaner, war der Spareffekt entsprechender Versuche fast vernachlässigbar. 

Zusammen mit Kollegen der Universität Lausanne ging Lorenz Götte in einem Feldversuch einen Schritt weiter. Tausend Kunden des Elektrizitätswerkes der Stadt Zürich (EWZ) erhielten ein Tablet, auf dem sie in Echtzeit ihren Stromverbrauch ablesen konnten. Tatsächlich ging der Verbrauch im Vergleich zu einer Kontrollgruppe zurück - allerdings um nur etwa 3 Prozent. Zusätzliche Tipps von Experten vermochten das Ergebnis nicht zu verbessern.

Aufschlüsselung in Echtzeit

Erst eine App, die den Stromverbrauch aufschlüsselte nach diversen Aktivitäten wie Kochen, Waschen, Heizen, Stand-by und Kühlen, machte einen wirklichen Unterschied: Die Einsparung betrug 0,75 kWh pro Tag, was bei einem Tagesverbrauch von rund 9 kWh Strom ins Gewicht fällt. 

Entscheidend ist also, dass man über seinen Verbrauch unmittelbar und detailliert informiert wird. Ein Forscherteam der ETH Zürich und der Universität Lausanne hat deshalb zusammen mit dem EWZ einen zweiten Feldversuch unternommen. Dabei erhielten die Probanden ein von einem ETH-Spin-off entwickeltes Gerät, das man unterhalb des Duschkopfs selbst montiert. Es handelt sich um ein Display, auf dem man während des Duschens erkennt, wie viel Wasser man verbraucht und wie heiss dieses ist. Ein virtueller Eisbär gibt zudem einen Hinweis darauf, ob man «zu warm» duscht. In diesem Fall schmilzt nämlich die Eisscholle, auf der er steht. Der Spareffekt war frappant: Von Tag 1 an sparten die Probanden beim Duschen gut einen Fünftel der Energie ein. Das ist deshalb bedeutend, weil es sich beim Duschen um die Aktivität des Tages handelt, die am meisten Energie benötigt. Der typische «Warmduscher» verbraucht 45 Liter warmes Wasser, das mit etwa 2,6 kWh aufgeheizt wird. Zum Vergleich: Ein Kühlschrank verbraucht rund 0,6 kWh pro Tag, Licht benötigt 1 kWh. Der durchschnittliche Haushalt der Stichprobe mit zwei Personen sparte laut Götte 1,2 kWh und rund 20 Liter Wasser durch das Smart Metering unter der Dusche. Die Einsparung war also fast sechs Mal so hoch, wie wenn er via Tablet lediglich über seinen gesamten Stromverbrauch informiert wurde. Natürlich ist ein solches Gerät nicht gratis, doch laut Götte hatte man die kleine Investition zum damaligen Preis innert neun Monaten amortisiert.

Entscheidend für den erstaunlich grossen Effekt war laut Götte, dass man unter der Dusche nicht von anderen Dingen abgelenkt wird, sondern stets das Display im Blick hat. Mit dem Einbau eines Smart-Metering- Systems oder auch von Zeitschaltuhren, die man per App aus der Ferne ein- und ausschaltet, kann jeder schon heute etwas tun, um seinen Stromkonsum und seine Stromkosten zu drosseln. Und auch wenn Aufrufe üblicherweise kaum verfangen, könnte es dieses Mal etwas anders sein, weil vor allem die Aggression Russlands hinter der möglichen Mangellage steckt (die allerdings durch Entscheide wie den deutschen Atomausstieg zum Teil auch selbstverschuldet ist). In einer Kampagne müsse man den Bürgern bewusstmachen, wo die grössten Stromfresser im Haushalt seien und was man dagegen tun könne, betont Fehr. Wer will, kann Tipps dazu schon heute auf der Website des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung finden.

Versorger in die Pflicht nehmen

Für Fehr ist ein anderer Hebel entscheidend, ob gespart wird oder nicht: der Strompreis. Dieser Anreiz wird in der Schweiz jedoch erst verzögert wirken. Im August werden die Elektrizitätswerke mitteilen, um wie viel der Strompreis für Private ab 2023 steigen wird. Versorger, die den Strom selbst produzieren, dürfen von den Konsumenten dabei nur die Gestehungskosten plus einen Aufschlag verlangen. Im nicht liberalisierten Schweizer Markt dauert es deshalb lange, bis Preissignale bei den Haushalten ankommen. Versorger haben aber den direkten Zugang zu ihren Kunden - und sind damit eigentlich gut positioniert, um sie zum Sparen zu motivieren. Allerdings wollen sie im Normalfall auch mehr Strom verkaufen. Doch der kommende Winter wird kein Normalfall sein. Angesichts der absehbaren Versorgungskrise sollten die öffentlichen Eigentümer die Versorger in die Pflicht nehmen, beim Sparen zu helfen, so dass man nächsten Frühling hoffentlich sagen kann: noch einmal Glück gehabt.

Textquelle: Neue Zürcher Zeitung vom 05.07.2022

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