Am Montag anerkannte der russische Präsident Wladimir Putin die separatistischen Gebiete im Osten der Ukraine, am Dienstag beschloss Deutschland Gegenmassnahmen. Das Land sistierte die Inbetriebnahme der bereits fertiggestellten russischen Gaspipeline Nord Stream 2, die russisches Gas direkt nach Norddeutschland bringen sollte. Die Reaktion folgte umgehend. Der frühere russische Präsident und Putin-Vertraute Dmitri Medwedew twitterte höhnisch, er heisse Europa in einer Welt willkommen, in der Gas bald das Doppelte kosten werde.

Zwar versuchten Energieexperten, die Gemüter zu beruhigen. Die Pipeline sei ja noch gar nicht in Betrieb, darum werde der Entscheid der deutschen Regierung nicht zu höheren Gaspreisen führen. Der Gegenbeweis folgte auf dem Fuss. Am Donnerstag schoss Europas Gaspreis rund 60 & in die Höhe – das ist der schnellste Anstieg, den es jemals innerhalb eines Tages gab. Der Grund für die Panik am Markt: Europa ist längst abhängig von Russlands Gas. Ob Nord Stream 2 in Betrieb geht oder nicht, ändert daran nichts Grundlegendes. 20 % der in Europa verbrauchten Energie stammen aus Gas, und davon wiederum kommen knapp 40 % aus Russland. Das Gas fliesst über eine ganze Reihe Pipelines, welche Produzenten und Verbraucher fest aneinanderketten. Zwar verbraucht Europa auch viel russisches Öl, doch dieses lässt sich viel einfacher ersetzen, weil ein riesiger internationaler Markt besteht und Europa damit viel mehr andere Lieferanten zur Verfügung stehen.

Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stellt sich nun die Frage: Wie kommt Europa aus dieser Abhängigkeit wieder heraus? «Wir müssen als Erstes alle anderen Quellen anzapfen», sagt Energieexperte Georg Zachmann von der unabhängigen Denkfabrik Bruegel. Die wichtigste von ihnen trägt die Abkürzung LNG, was «liquefied natural gas» bedeutet, also verflüssigtes Erdgas. Dabei handelt es sich um Gas, das nach der Förderung nicht durch Pipelines an seinen Bestimmungsort gepumpt wird. Es wird in grossen Industrieanlagen verflüssigt und mit Schiffen über die Weltmeere geschickt.

LNG-Schiffe legen überall an

Der Vorteil: Die Schiffe können überall da anlegen, wo es Terminals gibt, um sie zu leeren. Das verringert die Abhängigkeit von Pipelines. An den Küsten der EU-Staaten gibt es 26 Terminals, die bisher rund 25 % des Gasbedarfs decken konnten. Seit Ausbruch der Gaskrise im letzten Jahr sind die LNG-Lieferungen nach Europa deutlich gestiegen. Gasproduzenten haben die Zeichen erkannt. So gehen in den USA Terminals in Betrieb, die mehr Flüssiggas nach Europa liefern sollen.

«Wir sollten die Krise nutzen, um Widerstände gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien zu überwinden.»

Zahlen und Fakten

Russland ist ein Öl- und Gasriese: 17 % so hoch ist der Anteil Russlands an der globalen Gasproduktion.

700 Mio. $: Das ist der Betrag, den Europa und die USA für Öl und Gas aus Russland ausgeben – pro Tag.

40 %: So hoch ist der Anteil von russischem Gas in Europa.

Quelle: NZZ am Sonntage vom 27.02.2022

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