Plötzlich kommt kein Gas mehr, die Heizung steht still, draussen herrschen Minustemperaturen, in der Stube, der Küche und dem Bad wird es bitterkalt. Trotz der aktuellen Sommerhitze befürchten viele Menschen mit gasbeheizter Wohnung schon jetzt, dass es im nächsten Winter so weit kommt. Sie kaufen so viele Elektro-Öfeli wie noch nie. Der Schweizer Onlinehändle Galaxus verkündet, der Verkauf von elektrischen Heizkörpern sei in den letzten Monaten «explodiert». Im Juni habe man 370 Prozent mehr davon verkauft als vor einem Jahr, im Juli war es gar eine Zunahme von 470 Prozent. Und der Trend zeige weiter steil aufwärts.

Heizen mit dem Backofen wäre fatal

Die Käuferinnen und Käufer befürchten dasselbe wie die Behörden: dass es in der kommenden Heizperiode nicht für alle genug Gas gibt. Der russische Präsident Wladimir Putin hat den Hahn schon jetzt fast zugedreht. Nur noch 20 Prozent der üblichen Menge kommt im Moment durch die Pipelines nach Europa. Ob oder wie viel russisches Gas in den nächsten Monaten noch fliessen wird, weiss nur Putin. Wenn der russische Diktator Ernst macht, bevor die Speicher in der EU gefüllt sind, dürfte es im nächsten Winter in ganz Europa zu einem Gasmangel kommen. Und dann werden wohl nicht nur all die Elektro-Öfeli in Betrieb genommen werden, die jetzt gekauft werden. Viele Menschen werden dann auch ihre verstaubten Radiatoren aus dem Keller holen. Manche Experten fürchten, dass viele auch auf die Idee kommen, ihre Wohnung in der Not sogar mit dem Backofen zu heizen. Markus Friedl, Leiter des Instituts für Energietechnik an der Ostschweizer Fachhochschule, sagt: «Backöfen sind im Prinzip nichts anderes als Elektroheizungen». Tatsächlich wäre deren Einsatz jedoch fatal. «Der Einsatz Tausender elektrischer Notheizungen kann zu grosser Instabilität für den Energiehaushalt der Schweiz führen», warnt Michael Frank, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Wenn Gasheizungen durch elektrische Notheizungen ersetzt würden, werde «der Stromkonsum in einer ohnehin angespannten Situation massiv zunehmen», sagt Frank. «Dann hätten wir nicht nur beim Gas, sondern bald auch beim Strom ein grosses Problem.» Laut dem VSE-Direktor besteht «die Gefahr, dass die Speicherseen, die zentral sind für die Stromversorgung im Winter, schneller geleert würden». Er rät daher «eindringlich davon ab, auf elektrische Notheizungen» zu setzen. Wie gross die Dimension des Problems ist, zeigt eine Rechnung: In der Schweiz gibt es rund 300'000 Haushalte mit Gasheizungen, darin wohnen rund 700'000 Menschen. Selbst wenn nur 30 Prozent des Gases für die Haushalte durch Wärme von elektrischen Notheizungen ersetzt wird, braucht das in der kalten Jahreszeit 4 Terawattstunden mehr Strom. Das ist eine gewaltige Menge Energie. Es entspricht der Hälfte des in Schweizer Stauseen gespeicherten Winterstroms. Energie-Institutsleiter Friedl bestätigte die Plausibilität der Annahmen und kommt bei der Rechnung zum gleichen Schluss.

Behörden haben keinen Plan

Wie aber sollen die Menschen ihre Wohnung heizen, wenn kein Gas mehr kommt und sie selbst bei Minustemperaturen kein Elektro-Öfeli benutzen dürfen? Die Behörden und die Energieverantwortlichen haben derzeit keine Lösung. Es gibt zwar einen Notfallplan, der zum Einsatz kommt, wenn das Gas knapp wird. Er sieht vor, dass die Bevölkerung vorerst zum freiwilligen Sparen aufgefordert werden soll. Wenn das nicht genügt, muss sich die Wirtschaft einschränken. Die Haushalte seien geschützt, heisst es im Notfallplan. Doch wenn ihnen das Gas abgestellt wird, weil schlicht keines mehr vorhanden ist, nützt auch der ganze Plan nichts. Bei der entscheidenden Frage nach einer alternativen Heizmöglichkeit weichen die Behörden aus. Das Umwelt- und Verkehrsdepartement reicht die Frage an das Wirtschaftsdepartement weiter, und dieses delegiert sie an das Bundesamt für Landesversorgung (BWL). Dort wiederholt man bloss, was schon lange bekannt ist: «Privathaushalte werden nicht vom Kontingentierungskonzept betroffen sein.» Die Frage, was geschieht, wenn trotzdem kein Gas mehr durch die Pipeline kommt, bleibt unbeantwortet. Die zuständige Sprecherin sagt auf Nachfrage, der Bundesrat werde sich demnächst mit dieser Frage auseinandersetzen. Keine Umschweife macht Stromverbandsdirektor Frank: «Es gibt kein Patentrezept, aber wir brauchen Alternativen zu mobilen Elektroheizungen. Diese Überlegungen müssen frühzeitig gemacht werden.»

Zurück zur Holzfeuerung?

Wie der Stromverband sieht auch das BWL in Notheizungen eine Gefahr. Das würde «die Situation verschärfen», heisst es dort. Und: Der Bundesrat könne elektrische Notheizungen sogar «verbieten». Wie ein solches Verbot umgesetzt werden soll, ist allerdings schwer vorstellbar. Vorstellbar ist für das BWL auch ein Umstieg auf Holzfeuerungen, «solange die Versorgung mit Holz sichergestellt ist», schreibt die Behörde. Die Frage ist, wer daheim noch ein Chemine hat.

Textquelle: SonntagsZeitung vom 31.07.2022

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